Freitag, 16. Mai 2008

Die Russen kommen

Seit knapp 3 Wochen herrscht in Norwegen sowas wie der Ausnahmezustand. Überall begegnet man merkwürdig gekleideten (noch etwas merkwürdiger als sonst) jungen Menschen. Rote und blauen Latzhosen sind grade der absolute Renner. Häufig sind diese gleich haufenweise zu sehen, was wiederum ein deutliches Anzeichen dafür ist, dass die Russen los sind. Damit sind aber nicht etwa unsere Osteuropäischen Mitmenschen gemeint.

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Foto: geborgt bei rogalandsavis.no

Russen bzw. Russ sind vielmehr Schulabgänger der VidergÅenden (weiterführenden) Schulen, welche je nach Ausrichtung der Schule mit roten – für allgemeinbildende Schulen bzw. blauen – für Handelsschulen – Hosen bekleidet sind. Das Besondere dabei, die Hosen werden von den Schülern selbst dekoriert/verziert/geschmückt … Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Ebenso wenig wie bei den “Mutproben” welche alle Russen (von mir eingedeutsch) während ihrer 3-wöchigen Russzeit absolvieren müssen. Das Spektrum reicht dabei vom lauten Singen im Bus über das Auf-allen-Vieren-durch-den-Supermarkt-krabbeln bis hin zum naggisch von der Brücke (in den Fjord) zu springen. Gerne werden auch die Russen der “gegnerischen Seite” (also die Roten von den Blauen und umgekehrt) durch die Stadt gejagt, um dann im hohen Bogen im Hafenbecken zu landen. Die Jungs und Mädels lassen also zum Ende der Schulzeit nochmal so richtig die Sau raus.

Erst kürzlich versammelten sich im nahegelegenen Kongepark (ein Vergnügungspark unweit von Stavanger) mehr als 10.000 Russen zu einem der größten Russtreffen des Landes. Angereist wurde dabei gern mit bunt bemalten Bullys und anderen ähnlich alten Gefährten (ein stilechter Russe-bus gehört zur Ausstattung), was dann zu kilometerlangen Staus rund um den Park bis in die Stadt hinein sorgte. Drinnen wurde dann, wie zu lesen war, kräftig gefeiert und fleißig gebechert. Begegnet man heute einigen Russen, so kann man ihnen die Strapazen der vergangenen Tage und Nächte ansehen. Doch zum Glück (sicher nicht für alle) haben sie diese Tortur fast überstanden. Denn die Russfeiern enden mit dem traditionellen Russ-Umzug am Nationalfeiertag – also morgen.

Ich weiss nun nicht genau, woher die Bezeichnung Russ stammt und was sie genau bezeichnet – die Menschen, den Zustand oder die Zeitspanne der Feierlichkeiten. Fakt ist, das Ganze hat eine lange Tradition und die ehemaligen Russen schwärmen noch heute gerne von ihren Heldentaten während der Russzeit.

Übrigens … auch in der Russendeko darf die Norwegische Flagge nicht fehlen – ganz gleich ob auf der selbst bemalten Hose oder auf den offiziellen Russ-Shirts – rot/weiß/blau ist immer dabei!

Ein Kommentar zum Beitrag “Die Russen kommen”

  1. Martin schrieb am 16. Mai 2008 um 22:05 Uhr:

    Die Tradition kommt ursprünglich aus Dänemark: Um Zugang zur Uni zu erhalten, musste das examen artium abgelegt werden. Nach der Prüfung mussten sich die zukünftigen Studenten ein Horn an der Stirn befestigen und wurden von älteren Studentenh veralbert.
    Wenn Sie nun die Prüfung bestanden hatten, wurde in einer Zeremonie das Horn entfernt, als Zeichen für Weisheit und das nun das “wilde Tier” in ihnen besiegt wurde.
    Russ ist die Abkürzung für diese Handlung die da cornua depositurus heißt, zu deutsch: “sich die Hörner abstoßen”.

    Antwort: Tusen takk für die umfassende Erläuterung

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