Dienstag, 23. August 2011

Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?

In den vergangenen Jahren hatten wir wohl mächtig Glück, was den Sommer angeht. Dafür hats uns in diesem Jahr aber voll erwischt – volle Breitseite – echter Norwegensommer, so wie man ihn sich nach allen Klischees vorstellt: Unmengen Regen, ab und an auch mal ein paar Sonnenstrahlen – und das bei Temperaturen um die 15 Grad – traumhaft.

Sommer 2011 - Teksten Camping

Seit Anfang April waren sonnige Tage eher die Ausnahme. Deshalb setzten wir große Hoffnungen auf unsere Ferienwochen Ende Juli – Anfang August. Normalerweise stehen da die Chancen auf “Sommer” recht gut- zumindest in südlicheren Gefilden.

Wir waren also guter Dinge, als wir an einem wolkenverhangenen Julitag in Richtung Süden aufbrachen. Unser kleiner Indianer sollte erstmalig Bekanntschaft mit deutschen Autobahnen und Geschwindigkeiten jenseits der 90er Marke schließen (so ganz nebenbei sollte auch ein runder 60er überrascht werden).  Anfangs sah es auch recht gut aus, je weiter wir uns von Stavanger entfernten desto blauer wurde der Himmel – und siehe da, in Kristiansand beim Superspeed-Warten strahlte die Sonne.

Während der Überfahrt aufs südlich gelegene dänische Festland machte das Sonnendeck seinem Namen wirklich alle Ehre. Auch später, auf dem (für norwegische Verhältnisse) Hochgeschwindigkeitsweg durch Dänemark, zeigte sich Klärchen von ihrer freundlichsten Seite und bescherte uns eine traumhafte Fahrt in den Sonnenuntergang.

Und auch nach unserem Übernachtungsstopp in einer kleinen niedlichen dänsichen Landpension wurden wir von feinstem Sommerwetter begleitet -  Grenzüberschreitung nach Deutschland bei strahlend blauem Himmel und 24 Grad. Doch je weiter wir Richtung Osten kamen desto trüber wurde es. Die ehm. innerdeutsche Grenze war dann schon von dicken Wolken markiert und spätestens am AB-Kreuz Rostock wars um die Herrlichkeit geschehen – Regen in Strömen – fast wie zuhause. Nur unser kleiner Indianer jubelte über den Freilauf für seine Pferdchen.

Nach gut 1,5 Tagen und rund 1.300 km Fahrt, kamen wir auf der sonst eher sonnenverwöhnten Ostseeinsel Usedom an. Wir mussten doch mal schauen, wie groß das Nichtchen seit Weihnachten geworden ist und überraschten den Neu-60er mit unserer Anwesenheit und dem mitgebrachten Norwegen-Sommer. Dieser sollte es sich dann auch in den folgenden Tagen im Ostseeparadies breit machen und so manchem deutschen Urlauber die Sommerstimmung gehörig vermiesen.

Uns hingegen störte das natürlich weniger, schließlich waren wir das ja schon gewöhnt. ;)

Ostsee - Sommerwetter 2011

Auf der Rücktour war’s das gleiche Bild … Regen, Regen, Regen. Erst als wir kurz nach Mitternacht wieder norwegischen Boden befuhren, um die übrigen 250 km von Kristiansand ins heimische Stavanger zurückzulegen, wars einigermaßen trocken und die morgendliche 2:30 Dämmerung versprach sogar einen recht freundlichen Sommertag in Norwegen. Diesen haben wir dann allerdings wegen der Reisestrapazen fast vollständig verpennt und kamen erst tagsdarauf bei eher wechselhaftem Wetter wieder in Tritt.

Wie schon in den Jahren zuvor hatten wir unseren Urlaub in verschiedene Tour-Abschnitte unterteilt – Teil zwei unserer diesjährigen Ferientriologie sollte uns in die Telemark führen. Diese Gegend ist hauptsächlich durch den Telemarkkanal und seine typischen Kanal-Schiffe bekannt. Daher hatte die Zwiebl für uns eine “leichte” Schiffs-Rad-Camping-Tour geplant.

Radtour am Telemarkskanal

Und so gings nach ein paar Tagen im heimischen Garten wieder auf Tour. Der Indianer bekam dank einer “Erbschaft” von Freunden die Fahrräder auf den Buckel geschnallt und los gings an einem grauschwarzen Freitag in gen Osten. Wir waren auf alles vorbereitet – hatten regenfeste und warme Sachen eingepackt, reichlich Gasflaschen für den Campingkocher besorgt, damit uns keinesfalls der warme Tee ausgeht. Doch wie wir die ersten Berge hinter uns lassen, sind mit einem Mal alle Wolken verschwunden und die Sonne krachte durch unsere niegelnagelneue Frontscheibe*. Wir waren wirklich auf alle Eventualitäten vorbereitet – nur nicht auf Sommer! Und so waren wir gezwungen, unterwegs erstmal Sommerbekleidung (pluss Luftpumpe!) nachzukaufen.

Hotel Dalen

Nach einigen Stunden Fahrt quer durch die norwegische Natur erreichten wir die Telemark – die Wiege des Skisports im sommerlichen Antlitz. Dort schlugen wir in Dalen unser Zelt zu einem sonnigen Zwischenstopp auf. Nach abendlicher Einweihung unseres neuen Eimer-Grills, Biberexkursion (einmal mehr erfolglos) und großangelegter Mückenattacke, machten machten wir uns an einem weiteren sonnigen Morgen auf den Weg Richtung Ulefoss.

Stabkirche in Heddal

Einen kurzen Zwischenstopp an Norwegens größer Stabkirche später, trafen wir uns mit Freunden zum Camping-Date am Teksten-Camping. Dort begann zunächst die Suche nach einem trockenen Plätzchen – noch tagszuvor hatten kräftige Regenfälle den gleich am Fluss liegenden Platz überschwemmt. Zum Glück fand sich aber ein Plätzchen, welches sowohl trocken war als auch Platz für zwei Zelte, Grill- und Küchenzone bot. Und gerade als wir mit dem Aufbau der  Zelte fertig waren, brach ein kräftiger Sommerschauer über uns herein. Dieser wahrte ziemlich genau ein Stunde und machte danach wieder Platz für abendliches Supersommergrillwetter.

Am nächsten Morgen hieß es früh raus – die Sonne lachte, was die Sache ein klein wenig vereinfachte. Der angenehmere Teil unserer Kanal-Schiffs-Rad-Tour stand an – Die Fahrt flußaufwärts mit dem Kanalschiff “Victoria”. Nunja, eigentlich sind derartige Bootstouren eher was für ältere Semester – was diese Fahrt jedoch recht spannend machte, waren die zahlreichen Schleusen, welches es zu überwinden galt.

Telemark

Nach gut 5 stündigem Schippern und zwischenzeitlicher Regendusche kamen wir am Halteplatz Fjågesund an, von wo aus wir aufs Drahteselchen umstiegen. Bis zum Tagesziel lagen knapp 10 Kilometer “wellige Waldstraße” vor uns. Aus der Erfahrung heraus hätte man ja wissen können was “wellig” auf norwegisch bedeutet – das ganze zu Rad und mit Rucksack bepackt.

Zu allem Überfluss war bei der Zwiebl nach etwa 10 minütigem Strampeln sprichwörtlich die Luft raus. Und so hieß es erstmal Reifen flicken. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen Fahrrad-Reifen geflickt habe, aber hier – allein (bzw. zu zweit) mitten im schönen Telemarks-Wald – war die passende Gelegenheit, diese Erkenntnisse ein wenig aufzufrischen. Nach einigem Fluchen und dank Flickzeug Made in Germany war nach einer kleinen Ewigkeit der Schaden behoben und es konnte weiter gehen – Richtung Kilen Feriensenter.

Radtour am Telemarkskanal - Tag 1: Kilen

Gut durchfeuchtet und ohne größere Zwischenfälle kamen wir nach einigem berauf-bergauf-bergab-bergauf-bergab in Kilen an – fürs erste völlig fertig. Irgendwie war das nicht so ganz, wie wir uns das vorgestellt hatten. Dafür entschädigte die Unterkunft – eine wirklich hübsche und gut ausgestattete Hütte.

Zur Abkühlung gings anschließend erstmal in den Fluß/Kanal (hängt alles irgendwie zusammen -der Kanal verbindet mehrere Flüsse, Seen und das Meer) baden – Heerrrrrrlich und sehr erfrischend. Dann  noch ein leichtes Abendmahl (mit Rücksicht auf das Gewicht der Rucksäcke) auf der Terrasse und ein bisschen im Buch schmökern – ich brauche sicher nicht zu erwähnen, dass wir sehr schnell und recht gut einschliefen.

Morgens weckte uns die liebe Sonne und die Vorfreude auf einen herrliche Sommertag lies uns die Anstrengungen des vorherigen Tages vergessen. Gut gelaunt machten wir uns auf die 38 Kilometer lange Etappe – das Streckenprofil war: WELLIG!

Radtour am Telemarkskanal - Tag 2

Es ging dann auch gleich gut los – die ersten Kilometer ging es stetig bergan – die Sonne lachte und die Aussicht war prächtig. Unterwegs kreuzten wir auch ein paar Mal den Wasserweg, welchen wir tagszuvor entlang schipperten. Prompt trafen wir die “Victoria” auf ihrem Rückweg.

Die Wiedersehensfreude währte jedoch nur kurz, denn wir verabschiedeten uns bald wieder Richtung Wald und Wiesen – auf und ab, auf Feldwegen, Straßen und verschlungenen Pfaden – es war ein wahres Wechselbad der Stimmungen (oder doch stimmungsvolles Wechselbad??!).  Zwischenzeitlich hatten wir so ein (klitze)kleinwenig die Nase voll – von wegen familien- und kinderfreundliche Strecke. Glücklicherweise hatten wir für unsere kleine “Familienradtour” den wohl wärmsten Tag des ganzen Sommers erwischt (rein wettertechnisch gabs nix zu meckern!) – der Schweiß floß in Strömen und die mitgebrachten Flüssigkeitsreserven war bald aufgebraucht.

Schließlich gelangten wir zum eigentlichen Highlight der Tour: Vrangfossen – eine Schleusenanlage mit 6 Kammern, welche die Schiffe von 36 auf 59 Meter anhebt. Und da wir so fleißig gestrampelt waren, wurden wir für unsere Mühen mit der Ankunft der “Victoria” belohnt. Von außen betrachtet wirkt das Ganze nochmal ein bisschen spektakulärer.

Vrangfossen - Telemarkskanal

Die Frage welche wir uns dabei allerdings stellten: War das Schiff so extrem langsam, oder wir so unglaublich schnell? Egal, es war Mittagszeit (gegen 3 Uhr Nachmittags) und für uns der richtige Moment, die Akkus ein wenig aufzuladen – mit fester und flüssiger Nahrung.

Damit hatten wir auch den größten Teil (aber nicht den schwierigsten – was wir da noch nicht wußten) unserer Tagesetappe geschafft. Nach ausgiebiger Mittagspause frisch gestärkt  machten wir uns auf die “Zielgerade”. Diese bot jedoch noch einmal alles an Qualen auf – gifte Anstiege, Schotterwege und Gestrüpp.

Tour de Telemark

Wir waren der Kapitulation sehr nahe, doch wer sollte uns in dieser Wildnis erlösen? Also hieß es Augen zu und durch – naja – so ähnlich. Schließlich schafften wir es mit letzten Kräften zurück nach Ullefoss wo unser wohltemperierter (ca 200°) vier-rädrige fahrbahre Untersatz auf uns wartete.

Zurück auf dem Zeltplatz hieß es nur noch – ab unter die Dusche! Und so entschweißt und frisch geduscht sah die Welt gleich wieder viel freundlicher aus. Rückblickend war dann alles gar nicht mehr soooo schlimm. Naja, für ambitionierte Jungprofis auf dem Weg zur Tour de France wäre das wohl nur morgendliche Einrollrunde, und auch Nordsjøritt-erprobte Pedalritter würden sicher nur müde lächeln … aber für ausgemachte Freizeit-Radler war die Strecke schon ein hartes Stück Arbeit – und das in den Ferien!

Tour de Telemark

Ich möchte an dieser Stelle alle Leser eindringlicht warnen: Vorsicht, wenn Norweger das Wort “kinderfreundlich” im Zusammenhang mit Aktiviteten in freier Natur verwenden!!! ;)

Die dritte Ferienrunde wollten wir eigentlich auf See verbringen. Doch da machte und der Ferienwetterverantwortliche einen dicken Strich durch die Planung – viel Regen und kräftiger Wind machten eine Ausfahrt unmöglich. Und so erholten wir uns auf dem Sofa und beim  Bummeln durch die hiesigen Stadt- und Einkaufszentren von den Sommer-Ferien-Strapazen.

Telemarkskanal

*Die Frontscheibe habe ich am Vortag unserer Abreise Richtung Deutschland 5 Minuten vor allgemeinem Feierabend während der Reisevorbereitungen mit einem sternförmigen Muster versehen. Dank hervorragendem Über-Nacht-Einsatz der Männer von Riis Bilglass in Stavanger konnten wir unsere Reise mit einer neuen Frontscheibe pünktlich starten. Tuuusen Takk!!!

PS.: Wenn ichs mir genau überlege und nun nochmal die Bilder anschaue, wars doch ein rundum gelungenes Telemark-Abenteuer :)

Ein Kommentar zum Beitrag “Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?”

  1. Kraußi schrieb am 16. September 2011 um 16:09 Uhr:

    Danke, dass ihr die Strapazen und das Wetter in Deutschland auf euch genommen habt. Schön, dass es zur Radtour mit dem Sonnenschein besser geklappt hat.Der Beitrag ist für Nichtnorweger sehr interessant.Es wurde auch Zeit, endlich wieder mal etwas Schönes zu lesen.
    Mum

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