Dienstag, 20. September 2011

Ziemlich blau

In den vergangenen Tagen und Wochen gings hier wieder ziemlich heiß her. Das lag aber weniger am Wetter, welches sich eher spätherbstlich präsentierte, sondern vielmehr daran, dass mal wieder Wahlen anstanden. Diesmal hieß es auf kommunaler Ebene – Godt Valg.Wahlen an sich sind ja eigentlich nix besonderes. Doch in diesem Falle waren sie das schon: Einerseits wurde wegen der Ereignisse vom 22. Juli der Wahlkampfstart verschoben und alle Parteien hatten sich zu einem gemäßigten und gesitteten Umgang miteinander verpflichtet. Andererseits war es auch das erste Mal, dass wir ins demokratische System Norwegens eingreifen durften, soll heißen – wir konnten mitbestimmen, wie es in der Stadt und Land (Fylke) weitergeht.

Das war natürlich ziemlich spannend. Schließlich galt es nicht nur zu verstehen, wie denn so eine Wahl auf norwegisch von statten geht, sondern auch, welche Personen oder Perteien, die eigenen Interessen wohl am besten vertreten.  Durch den verkürzten Wahlkampf und die gemäßigte Tonlage, schien es fast, als ob die Parteien auch politisch auf Schmusekurs gegangen wären. Ganz klar, die ganz großen Streitthemen wie die Integration ausländischer Mitbürger und Einwanderung waren quasi tabu (verbale Fehltritte leisteten sich diesbezüglich lediglich die “Spitzenkräfte” der FrP) und sicher auf kommunaler Ebene nicht so entscheiden. Da gelten viel mehr Modernisierung der Schulen, bessere Versorgung mit Kindergarten-, Krankenhaus- und Pflegeheimplätzen, Eigentumssteuer, S-Bahn-Bau und Mautgebühren. Fast schien es, als ob bei diesen Themen große Einigkeit herrscht.

Damit man doch irgendwie Durchblick gewinnt, landete ganz unverhofft (und unbestellt) in jedem Haushalt ein großes Wahlpaket, welches neben einem Stapel Wahlzettel auch die Wahlprogramme aller Parteien sowohl für Stadtrats- als auch Landtagswahlen(Fylkesting) beinhaltete – geschätzte 1,5 Kilo Papier.

Mal ehrlich – kein Mensch liest sich die Programme  aller Parteien (7 oder 8 x 2) durch. Wer, noch immer ratlos, diverse Wahl-o-maten befragte, erhielt trotz ähnlicher Fragen und Antworten ein recht breites Spektrum an Wahlempfehlungen – von Rødt (vergleichbar mit Die Linke) bis Krf (Christliche Folkspartei – eine Art CSU) oder Pensionistparti (Seniorenpartei) ;) Also hieß es auf den Bauch und die persönlichen Präferenzen vertrauen.

Und so machten wir uns am Sonntagabend  (Wahltag: Sontag von 16-21 und Montag von 9 -21 Uhr) zum Wahllokal auf, gerüstet mit Wahlschein und Kreditkarte (damit weist man sich aus). In der Wahlkabine findet man für jede Partei einen Stapel Wahlzettel – jeweils für Kommune und Fylke. Man wählt also einen Wahlschein  der Favorittpartei -  darauf sind die Kandidaten der Partei aufgelistet. Auf dem Schein muss man nichts ankreuzen, kann man aber – so viele man will. Zusaätzlich kann man noch Namen von Kandidaten anderer Parteien auf dem Zettel vermerken – klingt reichlich verwirrend, ist es auch irgendwie.*

Wir habens aber schließlich doch hinbekommen, die richtigen Zettel rausgesucht, abstempeln lassen und eingeworfen. Danach hieß es nur noch abwarten und Daumen drücken – bis zum Montagabend, um zu sehen, wie sich unsere Stimmen auf das Wahlergebnis auswirken.

Und siehe da … die beiden “Großen” Arbeiterparti und Høyre  (quasi SPD und CDU) waren die Gewinner der Wahl – beide mit deutlichen Zuwächsen. Die Verlierer des Abends waren FrP und SV (Sozialistische Linke). Betrachtet man die Wahlergebnisse in der Landesübersicht (Landsoversikt –> største Parti ), so fällt auf, dass weite Teile des Landes rot (Ap, SV, Senterparti) gefärbt sind. Lediglich in unserer Ecke ist alles ziemlich blau (bürgerliche Parteien: Høyre, Venstre, FrP, Krf, …).

Für Stavanger bedeutet das, dass weiterhin die Høyre den Bürgermeister bzw. die neue Bürgermeisterin stellt (der “alte” Brügermeister legte sein Amt nach 16 Jahren nieder). Im Rogaland hingegen kommt es zu einem Regierungswechsel – der neue Fylke-Häuptling (ehemals AP) wird nun ebenfalls von der Høyre gestellt.

Man darf gespannt sein, welche Auswirkungen dieses Ergebnis für die Stadt und das Land haben wird. Wir werden dann in vier Jahren Bilanz ziehen und unser Urteil fällen ;)

Die Stortingswahlen in zwei Jahren werden dann wieder ohne uns abgehalten – auf Landesebene dürfen nur “echte” Norweger wählen.

 

*Auf jeden Fall ist dieses System extrem papierintensiv – grob gerechnet: 2 Millionen Wahlberechtigte  –> ein Wahlzettel für jede Partei (2Mio mal 10 –>  20Mio)  – ein Zettel pro Person wird abgegeben (20Mio – 2 Mio –> 18 Mio) – macht also 18 Mio Zettel, welche ungenutzt bleiben =(

2 Kommentare zum Beitrag “Ziemlich blau”

  1. Martin schrieb am 21. September 2011 um 21:09 Uhr:

    Da würde mich, wenns nicht so geheim wäre, ja glatt interessieren was ihr gewählt habt. :-) und warum.
    Beste Grüße
    Martin

  2. marzl schrieb am 22. September 2011 um 17:09 Uhr:

    Stimmt … alles ziemlich geheim – nur soviel KrF und Pensjonistparti sind doch nicht geworden ;)

    Trotzdem werd ich das Gefühl nicht los, dass ich falsch wohne.

Kommentar zu diesem Beitrag schreiben